Canyayeda Coaching

Selbstzweifel? Burnout? Nicht mit mir!

Inneres Kind

Glückliche Kindheit? Naja…

Nun ist es so, dass wir als Kind Kränkungen und Verletzungen natürlich nur mit sehr begrenzten Mitteln verarbeiten konnten. Wir waren nun mal ein Kind.

Und die Menge der empfundenen Kränkungen und Verletzungen wird, selbst wenn Sie sich an keinerlei Misshandlungen erinnern können, gar nicht so gering gewesen sein. Dazu muss man sich vor Augen führen, dass Erziehung vor allem eines ist: die Anpassung eines Individuums  an seine Umwelt. Was nichts anderes bedeutet, als dass Erziehung in weiten Teilen darin besteht, die Bedürfnisbefriedigung und die Umsetzung von Ideen des Kindes einzuschränken. Wenn Sie selbst Kinder haben, wissen Sie aus eigener Erfahrung, wie schmal der Grat an dieser Stelle oft sein kann.

Ihre Eltern müssen also keineswegs objektiv grausam gewesen sein, um Sie als Kind regelmäßig traurig oder wütend gemacht zu haben. Selbst wenn Ihre Eltern schon in den neunzehnhundertsechziger Jahren Ihrer Zeit voraus waren und Sie nie, nie geschlagen haben, selbst wenn es sich um friedfertige Menschen mit besten Absichten handelt: Ihre Kindheit kann eigentlich unter keinen Umständen eine stetige Abfolge von Freude und Glück gewesen sein.

Wenn nun aber Ihre Eltern irgendwo aufgeschnappt hatten, man solle einen Säugling nachts lieber mal ein paar Stunden schreien lassen, weil er sich sonst zu einem Tyrannen entwickeln könnte, wenn Ihre Vorfahren seit Generationen der Auffassung waren, eine „ordentliche Tracht Prügel“ habe noch immer geholfen oder wenn sie – zum Beispiel kriegsbedingt – derart mit Überleben beschäftigt waren, dass für die angemessene emotionale Zuwendung zu ihren Kindern schlicht keine Ressourcen übrig waren, dann…

Ja – dann hatten Sie´s nicht leicht.

Also, zusammengefasst: Sie haben als Kind vermutlich ganz schön was mitgemacht. Die Verletzungen von damals haben Sie vermutlich nur sehr begrenzt verarbeiten können, weswegen diese bis heute in Teilen Ihrer Persönlichkeit nachhallen. Das Konzept des inneren Kindes setzt genau an diesem Punkt an; das Schlüsselwort lautet Selbstfürsorge.

 

Seien Sie Ihr eigener Vater, Ihre eigene Mutter

Folgendes ist gewiss erheblich leichter, wenn Sie selbst Kinder haben. Andernfalls werden sie etwas mehr Phantasie benötigen.

Stellen Sie sich vor, wie Sie einmal an einem entspannten Wochenende bei schönem Wetter mit Ihrem Sohn oder Ihrer Tochter (Alter vielleicht 2 bis 5 Jahre) an der Hand spazieren gingen. Kein Ziel, kein Zeitdruck, einziger Zweck der Aktion war eben dies: mit diesem Kind spazieren zu gehen.[3] Ganz typisch für einen solchen Spaziergang (bei dem es herzlich wurscht ist, ob wir in einer Viertelstunde oder erst in einer halben Stunde beim Spielplatz ankommen) ist die Geduld, mit der Sie jede Ablenkung Ihres Kindes vom Weg gerne dulden, vielleicht sogar freudig mitmachen. Was für interessante Käfer es doch zu entdecken gibt! Und wussten Sie, wie viele verschiedene Beeren an städtischen Sträuchern im Spätsommer zu finden sind?

Mit eben diesem Bild habe ich zu meinem inneren Kind gefunden:

Den Anfang machte der Gedanke daran, wie lange manchmal der Weg gedauert hat, wenn ich mit meiner Tochter so unterwegs war. Das zweite war aber auch die Erinnerung daran, wie schön eine derartige Zeitverschwendung hatte sein können. Und dann habe ich mir den Luxus erlaubt mir vorzustellen, wie ich nicht mehr mit meiner Tochter (die ist inzwischen ohnehin aus dem Alter raus), sondern mit meinem eigenen, fünfjährigen Ich an der Hand durch die Sonne spaziere. Und mir selbst und meiner Gefühlswelt die Aufmerksamkeit und Geduld schenke, die ich in den besten Momenten für meine Tochter übrig hatte.

Wozu?

Ganz einfach: wer soll´s tun, wenn nicht ich? Wer soll sich um meine (immer noch vorhandenen, ja doch, obwohl ich erwachsen bin) Ängste kümmern, wer soll auch nur merken, wenn ich zwischendurch mal kurz traurig werde, wenn nicht ich selbst?

Die Vorstellung von einem inneren Kind[4], um das wir uns kümmern wie ein guter Vater oder eine gute Mutter hat einige ganz wunderbare Vorteile:

  1. Optimalerweise würde man nicht mit einem Kind schimpfen, wenn es traurig oder verletzt ist. Selbst ein überzeugter Kopfmensch wird einsehen, dass das kontraproduktiv ist – wenn´s auch leider vielen von uns oft genug versehentlich passiert ist. Wenn wir uns also die Vorstellung gönnen, unsere gesamten Gefühle wären mit einem (vorgestellten, zugegeben) inneren Kind verbunden, würden wir Schritt für Schritt damit aufhören, uns selbst zu schelten. („Boah, ich bin so blöd – jetzt hab ich doch schon wieder meinen Kugelschreiber vergessen!!“) Und das ist ein wichtiger Schritt in Richtung innerer Ausgeglichenheit!
  2. Dadurch, dass wir unsere Gefühle komplett auf das innere Kind übertragen, haben wir in Krisenzeiten den Vorteil, ein kleines Stück von unseren Gefühlen (die ja nicht immer leicht auszuhalten sind) entfernt zu sein. Wir sind nicht unsere Gefühle, auch nicht in schweren Krisen, sondern wir nehmen die Position des liebevollen Erwachsenen ein, der beim Bewältigen der Gefühle verständnisvoll hilft. Das macht es sehr viel leichter, große Mengen an zum Beispiel Trauer, Schmerz oder Wut auszuhalten.

Ein gut verständliches Buch zum Thema, das in etwa auch meine Art zu arbeiten widerspiegelt, ist „Das Kind in dir muss Heimat finden“ von Stefanie Stahl, erschienen im Kailash-Verlag München.

 

[3] Übrigens, da ich gerade schreibend dieses Bild entwerfe:  finden Sie nicht auch, dass eine solche Atmosphäre der freien Ziellosigkeit, gerne auch ohne Kind die perfekte Pause vom Alltag widerspiegelt?

[4] Es steht Ihnen übrigens völlig frei, das passende Alter für Ihr inneres Kind so zu wählen, wie es Ihnen am passendsten scheint. Meines ist fünf Jahre alt. Vielleicht steht Ihres ja eher an der Schwelle zur Pubertät? Sie entscheiden!

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Thema von Anders Norén